Interview mit Miriam Rauber und Michael Gabathuler, Projektleitende Kommunikation BGM bei Gesundheitsförderung Schweiz

«Führende Schweizer Unternehmen haben früh erkannt, dass sich mit betrieblichem Gesundheitsmanagement Wettbewerbsvorteile generieren lassen.»

Betriebliches Gesundheitsmanagement geht heute viel weiter, als dem Mitarbeitenden einen bequemen Stuhl zur Verfügung zu stellen …

Miriam Rauber: Ja, BGM bedeutet, das Thema Mitarbeitergesundheit ins Management einzubinden. Fragen zur Infrastruktur werden mit Aspekten wie Führung, Arbeitsorganisation oder Arbeitszeitmodellen ergänzt. Zum Beispiel sind der Spielraum, wie man seine Arbeit organisieren und gestalten kann, oder die unterstützende, wertschätzende Haltung des Chefs wichtige Ressourcen, um mit Zeitdruck und anderen Belastungsfaktoren bei der Arbeit besser umgehen zu können. Das Label Friendly Workspace zeichnet die Systematik und die Qualität des Management-Ansatzes in der Gesundheitsförderung der Mitarbeitenden aus.

Gibt es konkrete Vorgaben, wie das Label erreicht und umgesetzt werden muss?

Michael Gabathuler: Für die Vergabe des Labels überprüfen die Assessoren die Unternehmen mittels sechs Qualitätskriterien in Bereichen wie Unternehmenspolitik, Personalwesen oder Corporate Social Responsibility. Dabei geht es nicht nur um die Planung und die Umsetzung von betrieblichem Gesundheitsmanagement, sondern auch um die Evaluation und die Verbesserung. Im Sinne eines kontinuierlichen Lernens entwickeln die Unternehmen ihr betriebliches Gesundheitsmanagement unterschiedlich. Erreicht ein Betrieb im Gesamtdurchschnitt die Punktzahl 3.0, erhält er das Label.

Kommt es häufig vor, dass Unternehmen das Label wollen, aber nicht bekommen?

Gabathuler: Gesundheitsförderung Schweiz begleitet die interessierten Firmen und zeigt die Etappen auf ihrem Weg zum Label auf. So prüfen die Firmen in einem Self-Assessment zuerst selbst, wo sie stehen. Gewisse Firmen sind bereits reif für das Label, andere entscheiden sich, noch weiter in ihr BGM zu investieren, bevor sie sich später dem Auszeichnungsprozess stellen.

Rauber: Und sollte ein Betrieb dennoch nicht die durchschnittliche Punktzahl von 3.0 erreichen, kann er ab einer Punktzahl von 2.0 sein Engagement im betrieblichen Gesundheitsmanagement mit dem Hinweis Committed to Friendly Workspace sichtbar machen.

Kann jedes Unternehmen das Label erlangen?

Rauber: Gemäss den Erfahrungen von Gesundheitsförderung Schweiz sind die organisatorischen Ressourcen und personellen Kompetenzen bei Unternehmen ab rund 100 Mitarbeitenden gegeben, um die Qualitätsstandards für Friendly Workspace zu erfüllen. Zum Beispiel sollte sich explizit eine verantwortliche Person dem Thema BGM widmen. Gesundheitsförderung Schweiz verfügt jedoch auch über andere Angebote wie zum Beispiel Vitalab, damit sich gerade auch kleinere Unternehmen mit dem Thema Mitarbeitergesundheit vertieft auseinandersetzen können.

Interessieren sich die meisten Unternehmen ausökonomischen Überlegungen oder aus Imagegründen für das Label?

Gabathuler: Der wirtschaftlichen Logik kann sich grundsätzlich keine Organisation entziehen, wie beispielsweise der Senkung der Absenzen und den damit verbundenen Kosten oder der Steigerung der Produktivität durch verbesserte Leistungsfähigkeit. Die Motivationen und Treiber sind dennoch vielfältig. Wir haben produzierende Label-Betriebe, die über das Thema Arbeitssicherheit zum betrieblichen Gesundheitsmanagement gekommen sind. Für andere Firmen ist der Gedanke der Nachhaltigkeit und der Unternehmensverantwortung ausschlaggebend und für dritte steht ganz klar das Bestreben im Vordergrund, sich als attraktiven Arbeitgeber, als Employer of Choice, zu positionieren.

Rauber: Das Engagement ist in jedem Fall glaubwürdig, denn die Standards von Friendly Workspace sind hoch. Das Label als Auszeichnung kann man nicht über Nacht holen, sondern es verlangt ein langfristiges Commitment, um eine gesundheitsfördernde Leistungskultur aufzubauen.

Inwiefern trägt das Label «Friendly Workspace» direkt zur Stärkung der Arbeitgebermarke bei?

Rauber: Jede Marke steht für ein Versprechen an die Konsumenten respektive die Kunden. Möchte sich ein Unternehmen als Arbeitgeber positionieren, der sich für ein ganzheitliches Wohlbefinden seiner Mitarbeitenden engagiert und ein respektvolles und wertschätzendes Arbeitsumfeld bietet, dient Friendly Workspace als glaubwürdiges Argument für dieses Arbeitgeberversprechen.

Was bringt das dem Arbeitgeber konkret?

Gabathuler: Mit der internen Kommunikation des Labels und der vielseitigen Massnahmen kann ein Unternehmen seinen bestehenden Mitarbeitenden bewusst machen, dass diese bei einem ausgezeichneten Arbeitgeber arbeiten. Nach aussen hilft das Label, neue Fachkräfte zu gewinnen. Im viel zitierten War for Talents hebt das Label die ausgezeichnetenUnternehmen von den Mitbewerbern ab. Wir sehen auch immer mehr Unternehmen, die das Label in ihrer Kundenkommunikation einsetzen. Die Tatsache, dass eine Firma Verantwortung gegenüber ihrer Mitarbeitenden übernimmt, kann auch in einem Ausschreibungsprozess ausschlaggebend sein, um einen Auftrag zu gewinnen.

Wurde das Label konkret in Hinblick auf das immer stärker aufkommende Thema Employer-Branding entwickelt?

Rauber: Hinter dem Label stand das Bedürfnis nach einheitlichen Standards für BGM, an denen sich Unternehmen messen können. Führende Schweizer Unternehmen wie zum Beispiel Migros, Post, SBB, Swica und weitere hatten aber schon früh erkannt,dass sich mit betrieblichem Gesundheitsmanagement Wettbewerbsvorteile generieren lassen. Die Unternehmen schlossen sich deshalb zusammen und entwickelten gemeinsam mit Gesundheitsförderung Schweiz die Qualitätskriterien für Friendly Workspace.

Wie wird das Label beworben?

Rauber: Die Kampagne «Friendly Workspace – ein Gewinn für alle» spricht sowohl die Arbeitgeber wie auch die Arbeitnehmer an. In der Kampagne von August bis Dezember 2015 sprachen wir die Zielgruppe der CEOs und Verantwortlichen in den Unternehmen über Anzeigen in der Bilanz und in der Handelszeitung an. Die grosse Masse der Arbeitnehmenden deckten wir mit der Pendlerzeitung 20 Minutenonline wie offline ab. Und speziell die Arbeitsuchenden erreichten wir unter anderem über Jobplattformen. So kann in der Westschweiz auf Jobup. ch Friendly Workspace als Suchkriterium angewählt werden. Mit Erfolg: Inserate mit dem Label haben eine 30 Prozent höhere Klickrate als die restlichen Angebote ohne entsprechenden Hinweis.

Gabathuler: Wir sprechen hier vom Push-Pull-Mechanismus. Wir wollen einerseits das Label zu den Firmen bringen und gleichzeitig bei den Jobsuchenden eine Nachfrage nach Arbeitgebern, die mit dem Label ausgezeichnet sind, generieren. Beide Seiten sollen verstehen, weshalb es sich für sie lohnt. In diesem Mechanismus spielt die Kommunikation der Label-Betriebe eine wichtige Rolle. Denn erst im Unternehmen entsteht die positive Erfahrung. Erst wenn man am eigenen Arbeitsplatz erfährt, was das Label bedeutet und welche Vorteile es mir als Mitarbeiter bringt, werde ich es bei der nächsten Stellensuche in die Suchkriterien mit einbeziehen.

Wie wird sichergestellt, dass Unternehmen, die das Label haben, den Ansprüchen auch künftig gerecht werden?

Gabathuler: Das Label wird für drei Jahre vergeben, danach entscheidet ein Re-Assessment, ob es behalten werden kann. Im Oktober 2015 wurde zehn Unternehmen zum zweiten oder bereits zum dritten Mal das Label verliehen.

Kommt es vor, dass Unternehmen das Label abgeben müssen?

Rauber: Da hinter Friendly Workspace in der Regel ein langfristiges Commitment seitens der Unternehmen besteht, war dies bisher noch nie der Fall. Es ist vereinzelt vorgekommen, dass Unternehmen das Label nicht mehr erneuert haben, weil beispielsweise infolge einer Reorganisation die Ausrichtung geändert hat.

Wie steht die Schweiz international in Bezug auf BGM?

Gabathuler: BGM geht ja über den gesetzlichen Gesundheitsschutz hinaus. Und im Unterschied zu gewissen Nachbarländern beruhen in der Schweiz die BGM-Massnahmen, wie zum Beispiel die Stressprävention, auf Freiwilligkeit. Das heisst, die Firmen engagieren sich aus eigener Motivation, weil sie den Nutzen dahinter sehen. Das gibt eine ganz andere Dynamik und ein anderes Engagement als wenn es gesetzlich vorgeschrieben wäre.

Rauber: Das gibt dem Label aber auch ein Alleinstellungsmerkmal. Dass diejenigen Firmen, die sich auf freiwilliger Basis im Gesundheitsbereich engagieren, sich dadurch auch auszeichnen können.

Hat sich der Stellenwert des BGM durch die Einführung des Labels in der Schweizer Unternehmenskultur verändert?

Rauber: Die Wirkzusammenhänge sind natürlich komplex. Die Firmen, welche vor rund 10 Jahren das Label entwickelt haben, gehörten definitiv zu den First Movers im Bereich BGM. In der Zwischenzeit hat sich BGM verbreitet. Die Krankenversicherer treiben BGM voran. Auch der Bundesrat hat das Thema BGM in seine Strategie Gesundheit 2020 aufgenommen und die Arbeitsinspektoren des SECO prüfen inzwischen die Betriebe auch auf psychische Belastungsrisiken, welche zu längeren Krankheitsausfällen führen können. Kurz: Es ist schwierig zu sagen, welche Rolle das Label im ganzen Prozess wirklich spielt, aber Label-Betriebe haben immernoch eine Vorzeigerolle, indem sie für konkrete Probleme innovative Lösungen erarbeiten.

Hat auch bei den Arbeitnehmern ein Umdenken stattgefunden?

Gabathuler: Definitiv. Verschiedene Studien, beispielsweise die Universum-Swiss-Student-Survey, zeigen auf, welche Erwartungen junge Arbeitnehmende heute haben. Wir selbst haben eine repräsentative Umfrage gemacht, die aufzeigt, dass zum Beispiel Lohn nicht an erster Stelle steht. Hard Factors wie Lohn oder Arbeitsweg sind zwar wichtig, aber Soft Factors wie Wertschätzung oder Sinnhaftigkeit werden immer wichtiger. Da ist das Label natürlich anschlussfähig an diese neuen Erwartungen.Das sind alles Themen, die man, wenn man es runterbricht, im Label wiederfindet in einer Gesundheitskultur. Kann ich Familie und Job kombinieren? Kann ich in einer Zeit, in der ich weniger arbeiten möchte, auf flexible Arbeitsmodelle zurückgreifen? Ist es möglich, mich weiterzubilden? Das Label trifft somit den Nerv der Zeit.