«Wenn sie mal weg sind, sind sie weg»

Dr. Claudio Sedivy
Biologe und Biodiversitäts-Unternehmer

«Gut 30 Prozent unserer Nahrung kann nur gedeihen, wenn unsere Pflanzen bestäubt werden – namentlich von Bienen.» Wir treffen den Biologen und Mitbegründer von Wildbiene + Partner, Dr. Claudio Sedivy, im Café des Citizen Space am Firmen-Standort in Zürich.

Der Start-up-Manager nimmt uns mit auf seine Zeit-Reise vom Studenten zum Biodiversitäts-Dienstleister. «Ich habe Biologie studiert an der ETH. Als Botanik-Assistent habe ich die einheimischen Pflanzen sehr gut kennengelernt. Kennt man die Pflanzen gut, kann man die Wildbienen umso besser entdecken. Ich habe früh verstanden, dass diese sehr gut im Bestäuben sind, viel besser als die Honigbienen. Sie können wirklich einen Beitrag leisten zur Ertragssteigerung und Ertragssicherung im Obstbau.»

Ein gewisser Wissenschaftskoller gegen Ende seiner Dissertation beschleunigte den Wunsch, eine eigene Firma zu gründen. «Ein halbes Jahr später traf ich Tom Strobl, meinen ehemaligen WG-Mitbewohner und heutigen Geschäftspartner, an einer Party wieder. Morgens um drei Uhr erzählte ich ihm meine ganze Idee, und Tom war sofort dabei. Gleich darauf sind wir zusammen durchgestartet.»

Ihre Idee gewann auf Anhieb einen WWF-Wettbewerb. «Die waren echt begeistert, dass es einen Businessplan gibt, der mit Biodiversität zu tun hat. Das hatte es bis dahin noch nicht gegeben.» Gleich darauf folgte im Herbst 2013 die Gründung von Wildbiene + Partner. Mit folgenden drei Geschäftsbereichen: Bestäubung im Obstbau, Wildbienenhäuschen BeeHome und Wildbienen-Gärten. Es sind die drei Standbeine, auf die das Unternehmen auch heute noch setzt.

«Es war schon immer unsere Vision, dass wir das Obst dieser Welt mit Wildbienen bestäuben und so zu einer Steigerung der Lebensmittelproduktion beitragen – auf eine nachhaltige Art und Weise.»

«Ein Obstbauer ruft 5-6 Tage, bevor die Blüten aufgehen, die bestellten Bienenstände ab. Unser einzigartiges Know-How besteht nun darin, die Wildbienen genau dann schlüpfen zu lassen, wenn die Anlage auch blüht. Kommen sie zu früh, haben sie nichts zu fressen, kommen sie zu spät, ist es wiederum für die Blüten bereits gelaufen.»

Die Wildbienen bauen sich dann ihre Nester und können sich vermehren. Im Herbst werden diese Stände mit der neuen Wildbienen-Generation an Wildbiene + Partner zurückgesandt. «Unsere Wildbienen werden über den Winter dezentral auf viele Standorte mit Kühlräumen und Kühlschränken verteilt. Wir holen die erdnussgrossen Kokons aus den Nestern heraus. Diese werden von uns fachgerecht gewaschen, von möglichen Parasiten befreit und dann bei uns in einem «kontrollierten Winterschlaf» gelagert».

Diese Dienstleistung ist mittlerweile sehr erfolgreich. «Ein Obstbauer braucht rund 1000 – 2000 Mauerbienen pro Hektare, je nach Kultur und Alter der Anlage. Unsere Logistik mit den mittlerweile Hunderten von Kunden ist mit uns mitgewachsen, wir haben mit der Entwicklung Schritt gehalten. Angefangen hatte ich mit 40’000 Wildbienen, mittlerweile sind es mehrere Millionen.»

Ebenfalls erfolgreich ist das BeeHome für Privatpersonen, welches in kurzer Zeit ein Verkaufsrenner geworden ist. Das Bienenhäuschen beinhaltet eine Startpopulation von 25 Wildbienenkokons. Es kann auf dem Stadtbalkon, im Einfamilienhausquartier oder im Schrebergarten montiert werden. So können wir viele Leute einbinden in unsere Vision und ihnen diese Tiere näherbringen.»

Wichtig für die Sensibilisierung sind auch die Wildbienen-Gärten von Wildbiene + Partner. «Wir sind umgeben von tausenden Hektaren Rasenfläche, die höchstens noch beim Mähen betreten werden. Das ist doch schade. Als Biologe blutet einem das Herz. Man sieht zwar schon grüne Felder, aber die sind nur noch grün. Wo sind alle die Blumen, Insekten, Molche, Frösche oder Blindschleichen? Die verschwinden alle mit einer grausamen Geschwindigkeit. Sensibilisierung in unserem Falle heisst: die Leute müssen erst realisieren, dass die Bienen so in ihrem Garten ja gar nichts zu Fressen finden.»

«Dazu dienen unsere Wildbienen-Gärten. Zusammen mit Partnern bewirtschaften wir Grünflächen, auf denen für möglichst viele verschiedene Arten ein potenzieller, kompletter Lebensraum entsteht. Der grösste unserer mittlerweile 20 Naturparks misst über 2’000 m², der kleinste 100 m². Zusammen ergibt dies in der Schweiz doch schon rund 12’000 m². Solche Parks sind wichtig. Sie können die Leute dazu inspirieren, ihre eigenen Gärten neu zu gestalten.»

Ein halbes Jahr vor der Gründung von Wildbiene + Partner kam der Dokumentarfilm «More than Honey» von Markus Imhoof sehr erfolgreich in die Kinos. «Wäre dieser Film nicht gewesen, hätten wir das Bienensterben erst allen erklären müssen. So aber hat uns der Film einen roten Teppich ausgerollt und das Thema wurde in den Medien breit bewirtschaftet. Das war sicherlich ein glücklicher Zufall. Aber etwas Glück braucht man schliesslich mit jedem Start-up.»

Bei Wildbiene + Partner geht es jedoch nicht nur um das Überleben der Bienen, sondern um die Förderung der Biodiversität ganz generell. «Eine Umfrage unter unseren mittlerweile rund 40’000 Kunden hat ergeben, dass 89% von ihnen die Biodiversität in ihrem Umfeld fördern möchten… wegen den Wildbienen. Unsere Aufgabe ist jetzt, ihnen die nötigen Werkzeuge in die Hand zu geben. Dies ist unsere Herausforderung für die nächsten Jahre, bevor die Arten ausgestorben sind… Denn: wenn sie mal weg sind, sind sie weg.»

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