«Mit Kopf, Hand und Herz»

Eveline Kesseli
Schmiedin

Stahl. Ein Werkstoff, der fasziniert! Zeitlos, widerstandsfähig, zäh. Er kann gewalzt, gebogen oder gezogen werden. Oder eben geschmiedet. Hammer und Amboss als Wahrzeichen einer überaus männlichen Domäne. Dass es auch anders geht, beweist die Schmiedin Eveline Kesseli, eine kraftvolle Frau mit viel Scharfsinn und Humor.

Ihre Schmiede im Toggenburg ist ein traditioneller Handwerksbetrieb. «Meine Arbeit ist sicher immer konstruktiv im zweideutigen Sinne. Erstens durch Gestaltung, mit der ein Mehrwert generiert wird. Aber sicher auch konstruktiv, um einen funktionellen Zweck mit ästhetischem Anspruch zu erfüllen». Eveline Kesseli liebt ihren Beruf. Ihr Kampf für die Erhaltung einer heute praktisch inexistenten Berufsgattung macht die Schmiedin zu einer Gallionsfigur und einer Hoffnungsträgerin. Obwohl sie sich in dieser Rolle nicht sehr wohl fühlt, nimmt sie sie gerne in Kauf.

Nach dem Schulabschluss begann Eveline Kesseli eine Ausbildung zur Drogistin, die sie nach kurzer Zeit abbrach. «Das war nichts für mich». Eine alternative Berufswahl war nicht in Sicht, aber etwas Handwerkliches musste es sein. Nur schon der überschüssigen Energie wegen. «Kaminfeger oder Steinmetz waren hoch im Kurs. Ich wusste damals einfach zu wenig über die einzelnen Berufe. Kaminfeger war wenigstens klar. Es war nachvollziehbar, was der macht». Der Weg zur Schmiedin war geebnet.

Ein Einstieg auf Umwegen. Die Schmiedin kommt hier auf einen wichtigen Punkt: «Junge, die sich für einen handwerklichen Beruf interessieren, haben ein grosses Problem heute. Wer kann sich unter ‘Polybauer’ oder ‘Metallbauer Fachrichtung Schmiedearbeiten’ etwas vorstellen? Man müsste die Berufsgattungen wieder beim Namen nennen».

Harter, kalter Stahl, der in heissem Zustand formbar wird. Faszinierend. Und diese Faszination ist bis heute absolut ungebrochen. Die Schmiedin gerät ob der eigenen Kreationen ins Schwärmen. «Wirtschaftlich gesehen ist es nicht sehr intelligent, was ich hier tue: derselbe Kunde kommt ob des gleichen Produktes vermutlich nicht zweimal im Leben. Die Materie, der Stahl, überdauert deren Lebenszeit. Aber im Moment läuft es ganz gut. Ich kann von meinem Handwerk leben und biete mittlerweile einen Ausbildungsplatz an».

Erlebt sie eine Renaissance des Handwerks? «Die Kunden möchten sich vermehrt wieder etwas Individuelles leisten, das eigentlich nur von Hand gefertigt sein kann. Ja keine Stangenware! Meistens sind es Accessoires oder der letzte Meter eines Treppengeländers, die Individualität vermitteln sollen. Dafür wird heute wieder etwas Geld ausgegeben und andernorts durch Verwendung von billigstem Maschendrahtzaun auch gleich wieder eingespart».

Schmieden als Nischen- oder Hobby-Bereich ist weltweit im Trend. «Es ist unglaublich, welche Fertigkeiten sich gewissen Leute über die Jahre, auch dank dem Internet, selbst beigebracht haben. Hobby-Messerschmiede zum Beispiel pflegen weltweiten Austausch, auch auf Messen. Dieses Gebaren verschafft mir indirekt auch mehr Aufmerksamkeit. Unser Handwerk ist, wenn auch wild verteilt, schon im Aufwind».

Haben wir es mit einem Gegentrend zu tun? Also: mit Hammer und Amboss gegen die Digitalisierung? Eveline Kesseli zuckt mit den Schultern. Sie versucht lediglich, der Digitalisierung täglich aus dem Weg zu gehen. «Man sieht einem gestalteten Produkt immer an, ob es von einem Computer generiert wurde oder nicht. Ich bin mir sicher, dass Handarbeiten im Holz- und Metallbereich immer stilbildend, erkennbar und rückführbar sein werden».

Den grössten Schub erhält die Schmiedezunft aktuell durch den Brand der Notre-Dame in Paris. Der Allgemeinheit wird plötzlich bewusst, dass Kunsthandwerk knapp geworden ist. Alle verlangen nach der alten Qualität, aber anbieten können das nur jene, die einen ähnlichen Weg wie die Schmiedin eingeschlagen haben: die Compagnons, die auf der Suche nach Wissen und Tradition durchs Land ziehen. Sie nennen sich selbst „Gesellen der Pflicht“ – das klingt altmodisch, ist in der Umsetzung aber erstaunlich modern. Ihr Credo deckt sich mit dem Berufsbild von Eveline Kesseli: Nichts vom alten Wissen darf verloren gehen.

«Ich fühle mich in der Verantwortung, dass die Schmiede-Lehre wieder angeboten wird. Ich selbst habe dieses wundervolle Handwerk schliesslich auch erlernen dürfen». Sie will ihren Beruf jedoch nicht explizit als Frauenberuf bewerben. «Egal ob Frau oder Mann. Wichtig ist mir, dass diejenigen, die das machen wollen, es auch machen können. Das sollte selbstverständlich sein».

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