Zeit ist Geld ist Zeit?

«Zeit ist Geld». Ein tückischer Satz. In die eine Richtung scheint er zu funktionieren: Wer eine Ware schneller herstellen kann als die Konkurrenz, kann aus diesem Vorteil Gewinn schlagen. So funktioniert die kapitalistische Wirtschaft. Und so funktionieren wir auch als Einzelne: Je mehr und je schneller wir arbeiten, desto mehr Geld sparen wir an, mit dem wir irgendwann in der Zukunft unsere Träume verwirklichen wollen.

Zeit lässt sich in Geld verwandeln. Umgekehrt scheint es aber schwieriger zu sein, Geld wieder zurück in Zeit zu verwandeln. Perfiderweise zwingt der Gewinn zu noch mehr Gewinn, sonst droht der Absturz. Und vielen Menschen läuft, während sie dem Geld nachjagen, die (Lebens-)Zeit davon.

Nicht Geld ansparen, sondern Zeit: Mit dieser schon fast naiv anmutenden Idee tritt der Verein KISS Schweiz an die Öffentlichkeit. KISS setzt auf neue Formen der Nachbarschaftshilfe: Ich schenke jemandem, der Hilfe benötigt, Zeit (zum Einkaufen, Kochen, Putzen, Vorlesen usw.). Die aufgewendete Zeit wird mir auf einem Zeitkonto gutgeschrieben. Wenn ich selber auf Hilfe angewiesen bin, erhalte ich diese Zeit von einer anderen Person zurück. Die Zeitguthaben werden in lokal organisierten Genossenschaften verwaltet

Eine erste Evaluation durch die ETH zeigt, dass sich in diesem Modell nachbarschaftliche Beziehungen und die Beziehungen zwischen den Generationen verbessern.  Die Lebensqualität aller Beteiligten steigt.

Geld in Lebenszeit und Lebensqualität zu verwandeln, diese Idee steckte ursprünglich auch hinter den Pensionskassen. Doch die steigende Lebenserwartung sowie sinkende Erträge machen unseren dritten Säulen zu schaffen, und als Folge davon sinken auch die Umwandlungssätze.

Gar nicht erst den Umweg übers Geld nehmen, sondern eine «Vierte Säule» allein aus Zeit bauen: dazu will KISS («Keep it Small and Simple») ermutigen. Bereits existieren in der Schweiz zehn solche Genossenschaften.

Offenbar ist die Zeit reif für diese kleine simple Idee. Vielleicht bewirkt sie Grosses – mit der Zeit.

Kontakt:
info@kiss-zeit.ch

One thought on “Zeit ist Geld ist Zeit?

  1. Die Schlusswörter in dem schönen Blogbeitrag von Thomas Mattig sind wichtig: grosses bewirken…. mit der Zeit.
    Es gibt ja – neben KISS – sehr viele und langjährige Erfahrungen mit Zeitgutschriftsystemen. U.a. mit den Seniorengenossenschaften in Baden-Württemberg seit Anfang der 1990er-Jahre (vgl. https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/47484). Also auch schon seit langer Zeit.
    Und die Zeitvorsorge St. Gallen setzt schon länger ein eigenständiges Modell um – mit dem Spezifikum der finanziellen Besicherung durch öffentliche Geldeinlagen. (Auch zu diesem Projekt liegt ein differenzierte Evaluationsbericht von Infras und Careum Forschung vor: http://www.careum.ch/ageing/zeitvorsorge). Auch schon seit einiger Zeit.
    All diese Projekte brauchen in der Tat langen Atem.
    Sie bringen keineswegs gleich eine grosse Zahl an Transaktionen hervor, schon gar nicht auf Seiten der Nachfragenden. Auch das braucht Zeit, sollte nicht entmutigen.
    Zeitgutschriftmodelle stehen auch für eine Transformation der herkömmlichen Arbeit – der Erwerbsarbeit ebenso wie der Freiwilligenarbeit oder des Ehrenamts. Sie reihen sich hier ein in eine Reihe von Mischmodellen, Neuansätzen, Hybriden. (Dazu gehören auch geringbezahlte Ehrenämter, Pflegegeld für betreuende Angehörige, UBER-artige Plattformdienstleistungen, vgl. http://www.careum.ch/documents/20181/154931/Uber+in+der+Plege_Krankenpflege.pdf)
    Ich würde es ein wenig anders als Thomas Mattig akzentuieren – es ist nicht in erster Linie unbedingt Nachbarschaftshelfen. Und Zeit verschenken. Es ist eben gerade nicht Leistung für Gotteslohn, ist nicht reiner Altruismus (gibt es den im sozialen Verausgaben überhaupt allzuoft?).
    Sondern es ist die Erwartung der Gutschrift, die mit motiviert. Die teilweise auch gerade für Männer besonders attraktiv ist. Es gibt also eine erwartbare Gratifikation: zugleich anderen UND sich selbst etwas gutes tun.
    Dass darüber noch immer an vielen Orten gestritten wird – ob dies das Ehrenamt kaputt mache, ob es die Solidarität untergrabe, ob es zu Konkurrenzierungen komme – das ist gut. Denn dieser Diskurs ist wichtig für die kulturellen Transformationen des Helfens unter Vorzeichen moderner mobiler Gesellschaften.
    Das spannende an den vorliegenden Evaluationen – von den Seniorengenossenschaften über KISS bis zur Zeitvorsorge und anderen – ist aber: die Sorgen sind meist unbegründet. Die Zeitgutschriftidee spricht andere Menschen an, weil sie andere Motive mitschwingen lässt. Und dies ohne jeglichen moralischen Zeigefinger.
    Dass am Schluss sich oft zeigt, dass die Zeitgutschrift oft nur der erste Motivator und Katalysator war: dass mit ihm Hilfestunden angebahnt wurden….., dass aber viele Menschen nach längerer Zeitdauer eigentlich die Einlösung für sich gar nicht mehr so wichtig finden, das ist einer der ganz spannenden Befunde. Und so wird – über den Umweg einer sparsamen „Mechanik“, über den Tausch- und Gratifikationsgedanken – am Schluss dann doch wieder umso mehr Nachbarschaftshilfe und überhaupt: Unterstützen und sich verschenken draus.
    Aus meiner Sicht ein wunderbarer zusätzlicher Mosaikstein auf dem Weg in lebendige Quartiere, am Schluss in caring communities….
    Das Setzen auf Zeit lohnt sich so ungeheuer!

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