Süsse Verführung

Es gibt wissenschaftliche Studien, die einzig zu dem Zweck angefertigt werden, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Wer das behauptete, geriet bis vor kurzem in den Ruch von Verschwörungstheorien, auch wenn Beispiele aus der Tabakbranche schon seit einiger Zeit bekannt sind.

Doch jetzt ist es einmal mehr bestätigt: Gemäss einer kürzlich im Journal of the American Medical Association publizierten Analyse hat die Zuckerindustrie die öffentliche Meinung seit den frühen sechziger Jahren manipuliert. Damals hatten verschiedene wissenschaftliche Publikationen auf den Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Herzkrankheiten hingewiesen. Daraufhin gab die Zuckerindustrie via eine Stiftung publizistisch Gegensteuer: In einem Übersichtsartikel wurde behauptet, nicht der Zucker, sondern Fett und Cholesterin seien sei für die Herzkrankheiten verantwortlich.

Die Kampagne war nicht nur bei der öffentlichen Meinungsbildung erfolgreich, sondern sie bestimmte auch die Richtung der Ernährungsforschung. Auf der Strecke blieb allerdings die wissenschaftliche Objektivität. Wie eine Auswertung von Hunderten von Dokumenten ergab, hatten sich Wissenschaftler in die Kampagne der Zuckerindustrie einspannen lassen.

Die Beeinflussung der Öffentlichkeit durch gesteuerte Forschung setzt sich fort bis heute: allein in den USA steckte der Coca-Cola-Konzern zwischen 2010 und 2015 mehr als hundert Millionen Dollar in „Gesundheitspartnerschaften“ und Kooperationen. Auch in Europa (und in der Schweiz) investiert der Getränkehersteller viel Geld in Forschung und Projekte im Bereich Gesundheit und Ernährung. Darüber könnte man sich ja freuen, wenn diese Forschung auch unabhängig wäre. Ist sie aber nicht. Erst kürzlich musste die Forschungschefin von Coca- Cola den Hut nehmen, weil sie es mit einer PR- Kampagne zu weit getrieben hatte. In einer Werbeoffensive wurde behauptet, der Konsum von Süssgetränken stehe in keinem Zusammenhang zur Zunahme von übergewichtigen und diabeteskranken Menschen. Denn, so die frohe Botschaft: Mit genügend Bewegung könnten die Gesundheitsschäden des Zuckerkonsums vermieden werden. Die Behauptung gehört schon lange zum PR- Arsenal der Süssgetränkehersteller. Zu weit ging die Forschungsleiterin aber darin, Wissenschaftler direkt für Forschungsprojekte zu bezahlen, welche die PR- Behauptung stützten.

Von der Präventionsseite wird die These, man könne Zuckerschäden durch Bewegung vermeiden, heftigst angezweifelt: Studien aus den USA zeigen, dass Übergewichtige in einem Jahr nur geringfügig abnehmen, wenn sie zwar Sport treiben, dabei aber ihre Ernährungsgewohnheiten beibehalten.

So steht Behauptung gegen Behauptung. Auch Präventionsbefürworter neigen übrigens dazu, Forschungsergebnisse zu ihren Gunsten auszulegen, um ihre Tätigkeit zu legitimieren.

Dass Fakten unterschiedlich ausgelegt werden, gehört zu einer offenen Debattenkultur. Aber es muss immer klar unterschieden werden können zwischen Fakten und Meinungen. Eine elementare Fähigkeit, die im „postfaktischen Zeitalter“ verloren zu gehen droht.

Was macht eine glaubwürdige Wissenschaft aus? Dass sie sorgfältig erarbeitete Daten und Fakten liefert. Dazu gehört auch, dass sie ihre Auftraggeber nennt – denn auch das sind Fakten. Meinungen beeinflussen, ist nicht ihre Aufgabe. Propaganda und Verführung gehört ganz klar in ein anderes Ressort.

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