Schlafmanko

Vor kurzem gab es eine Debatte rund um den Schlaf: Arbeitgeber beklagten sich, die Mitarbeitenden kämen übermüdet aus dem Wochenende an die Arbeit.

Dieselbe Klage hört man seit längerem aus den Schulen: Lehrer und Lehrerinnen beobachten, dass die Kinder am frühen Morgen nicht aufnahmefähig sind – und das nicht nur am Montag, sondern während der ganzen Woche.

Die Forschung bestätigt diesen Befund. Für die meisten Kinder beginnt der Unterricht zu früh. Versuche mit späterem Unterrichtsbeginn zeigen offenbar: Die Kinder länger schlafen lassen, ist nicht verlorene Zeit. Am Vormittag lernen sie besser als frühmorgens.

Vielleicht liegt das Problem tiefer als bloss auf der organisatorischen Ebene. Die Menschen schlafen immer weniger, das zeigt die Statistik. Eine Untersuchung aus dem Jahre 2011 kommt zum Ergebnis, dass die Schweizer an Arbeitstagen im Durchschnitt 7,5 Stunden schlafen. 1983 waren es noch 40 Minuten mehr.

Tendenziell verringert sich die Schlafzeit schon seit längerer Zeit. Es gibt dafür historische Gründe. Mit der Industrialisierung wurde der Schlaf zum ökonomischen Faktor. Weil aber die Menschen nicht ohne Schlaf auskommen, sollten wenigstens die Maschinen pausenlos laufen. Der Schichtbetrieb wurde erfunden.

In der heutigen Welt ist der Unterschied zwischen Tag und Nacht in vielen gesellschaftlichen Bereichen aufgehoben. Verkehr, Konsum und Kommunikation sind rund um die Uhr am Laufen. Und die Vergnügungsindustrie kennt keine Tageszeiten.

Am Schlafbedürfnis des Menschen ändert das allerdings nichts. Und langsam beginnt man zu merken, dass der Schlaf mehr ist als einfach unproduktive Zeit. Die moderne Schlafforschung weist nach, dass das Hirn im Schlafmodus hoch aktiv ist. Es verarbeitet Eindrücke und schafft neue Verbindungen (was ja jeder Mensch an den Träumen beobachten kann).

Gewiss: das Schlafbedürfnis ist individuell. Napoleon soll mit vier Stunden Schlaf ausgekommen sein. Einstein soll mindestens zehn Stunden Schlaf gebraucht haben. Wer von den beiden war letztlich wohl produktiver?

Wir sollten den Schlaf nicht unterschätzen: Er kann Grenzen sprengen und Phantasien freisetzen. „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“ sagt ein altes Sprichwort. Träume sind jedenfalls mehr als Schäume.

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