Genialität und Weisheit

An der Stanford University führte der NZZ-Redaktor René Scheu kürzlich zwei Gespräche: Eines mit dem 21-jährigen Studenten Sam Ginn, ein anderes mit dem 64-jährigen Professor Robert Harrison.

Sam Ginn gilt als junges Wissenschaftsgenie. Neben dem eigentlichen Studium arbeitet er erfolgreich an der Entwicklung von künstlicher Intelligenz.

Robert Harrison ist ein renommierter Kulturphilosoph und ausgewiesener Kenner von Dantes «Divina Commedia».

Hier ein paar Zitate aus den beiden getrennt voneinander geführten Interviews.

Zuerst Sam Ginn, der sich – hin und her schwankend zwischen Optimismus und Pessimismus – Gedanken macht über die Superintelligenz, an der er mit seinen Kollegen herumlaboriert:

«Vielleicht wird die neue Intelligenz ihre einstigen Schöpfer verehren, vielleicht wird sie uns wie Haustiere halten, vielleicht wird sie uns auslöschen. Wir können es schlicht nicht wissen. Gewiss, wenn meine Argumentation stimmt, werden wir die Kontrolle über die Evolution verlieren. (…)

Wer sagt uns denn, dass eine allgemeine künstliche Intelligenz so zerstörerisch sein muss wie die menschliche Spezies? Wenn der Mensch solche Angst hat, dann vielleicht darum, weil er seine Sicht der Dinge auf die Superintelligenz projiziert. Dies lehrt uns jedoch mehr über den Menschen als über diese Intelligenz.»

Nun zu Robert Harrison, dem seine Studenten und die Welt, an der sie herumbasteln, zu denken geben:

«Sie (die Studenten) blenden die Folgen aus, die das ständige Innovieren und Revolutionieren durch neue Technologien mit sich bringt. Sie gebären monströse Weltsichten- und werden damit selber zu kleinen Monstern. (…)

In diesem Kontext scheint es mir sinnvoll, zwischen Genialität und Weisheit zu unterscheiden. Mit ersterem ist eine Form der menschlichen Intelligenz gemeint: Das Kalkulieren, das Innovieren, das Experimentieren, ganz ohne Erinnerungen an die Vergangenheit. Weisheit hingegen meint kulturelles Gedächtnis, Reife, ein Bewusstsein der menschlichen Bedingung. (…)

Viel spricht dafür, dass Alter und Tod eines Tages zu blossen Optionen degradiert werden. Und davor habe ich Angst, das gebe ich zu. (…) Wer den Tod abschafft, muss auch die Geburt abschaffen. Die gerade Lebenden werden zu den einzigen ewig Lebenden – alles wiederholt sich. Das ewige Leben bedeutet die ewige Langeweile.»

Alles andere als langweilig, diese beiden Interviews. Und man wünscht sich, eine zukünftige Superintelligenz möge genügend Weisheit einprogrammiert bekommen, dass sie die Generationenfolge und damit auch die Generationenkonflikte am Leben erhält. Sonst ist tatsächlich zu befürchten, dass sich die künstliche Intelligenz in ihrer schönen neuen Welt zu Tode langweilen wird.

Vgl. Neue Zürcher Zeitung von 21. März 2018:
Interview Sam GinnInterview Robert Harrison

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