Eine riskante Wette

«Wer ungesund lebt, soll höhere Prämien zahlen.» So stand es auf der Titelseite von «20 Minuten» (2. Februar 2017).

Auf Seite 3 dann der Artikel zum Thema. Überschrift:  «Gläserne Patienten sollen Prämien-Explosion dämpfen».

Man stutzt und fragt sich, wie gläserne Patienten eine Explosion dämpfen sollen!
Das Beratungsunternehmen Ernst & Young hat darüber nachgedacht. Zuerst über die Explosion: Bis zum Jahr 2030 könnten nach seiner Berechnung die Prämien ums Doppelte ansteigen.

Dann über das Dämpfen: Um den Schock des Prämienanstiegs abzufangen, empfehlen die Experten eine bessere Nutzung der Patientendaten. So könnten die Krankenkassen ihre Kunden gezielt zu gesundem Verhalten anspornen.

Über den gläsernen Patienten hat schliesslich noch Peter Ohnemus von der Firma Dacadoo nachgedacht: Die Versicherten sollen ihre Gesundheitsdaten per Fitnessarmband sammeln und der Krankenkasse zur Verfügung stellen. Wer das nicht tun will, soll die jährlichen Prämienerhöhungen von bis zu sechs Prozent in Kauf nehmen.

Klingt logisch – ist aber heikel.  Denn auch auch diejenigen, die ihre Daten zur Verfügung stellen, könnten früher oder später zur Kasse gebeten werden – dann nämlich, wenn ihre Daten darauf hinweisen, dass sie «ungesund» leben. So liefe das vorgeschlagene Modell auf ein Bestrafungssystem hinaus:

Zuerst bestraft man diejenigen,  die ihre Daten nicht zur Verfügung stellen wollen. Dann geht man auf jene los, die nicht nach den Gesundheitsvorstellungen der Fachleute leben. Und von da aus ist es nur noch ein kurzer Weg bis zur Bestrafung der Kranken.

Ein solches System widerspricht grundsätzlich dem Versicherungsgedanken. Eine Versicherung ist nicht dazu da, Strafen zu verteilen, sondern ihr alleiniger Zweck ist, Menschen davor zu bewahren, in einer Ausnahmesituation in Not zu geraten. Das Risiko auf viele Köpfe verteilen – das nennt man auch Solidarität.

Solidarität hat nicht gerade Konjunktur. Auch als Krankenkassenkunde will man davon eigentlich nichts wissen. Man achtet auf ein gutes Preis-Leistungsverhältnis, und wird man einmal ernsthaft krank, bekommt man die Arztrechnung anonym bezahlt. Man merkt dabei nichts von der Solidarität der anderen Kassenmitglieder, so wie man auch nichts davon merkt, dass man mit seiner Prämie anderen hilft.

Trotzdem: das System Versicherung beruht bis heute auf Solidarität. Und das heisst: die Gesünderen (oder Verschonten oder Glücklicheren) bezahlen für die weniger Gesunden, für die Pechvögel und: ja, manchmal auch für die Nachlässigen, die nicht besonders auf ihre Gesundheit achten.

Das mag einen als gesundheitsbewussten Prämienzahler ärgern. Aber es ist Teil des Vertrags mit der Versicherung. Zur Solidarität kann aber auch gehören, Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass ihr Lebensstil andere belastet. Darum sollen und dürfen Versicherungen Gesundheitskampagnen führen und ihre Mitglieder dazu animieren, mehr für ihre Gesundheit zu tun.

Aber via Prämien Gesundheit erzwingen wollen, scheint mir eine riskante Wette zu sein.

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